Seit hundert Tagen ist der neue Vorstand der Cultusgemeinde im Amt und will aus diesem Anlass mit der Gemeinde und weiteren geladenen Gästen feiern. Securitiy wird gross geschrieben; eine hübsche, aber resolute junge Dame will meinen Namen wissen und Einladung sowie Ausweis sehen, bevor sie mich überhaupt in die Nähe des Gemeindezentrums lässt. Ihr Kollege beobachtet derweil die Szene aufmerksam und misstrauisch aus etwas Distanz. Regierungsrat Markus Notter oder Kirchenratspräsident Ruedi Reich ergeht es nicht besser. Ich habe Verständnis für die etwas schroffe Begrüssung. Gleichzeitig tut es mir auch Leid, dass diese Menschen sich in Zürich nicht wie unsereiner sicher fühlen können.
Der Empfang ist dann nichts Besonderes, und das ist doch irgendwie bemerkenswert. Die paar Hundert Menschen sind Zürcherinnen und Zürcher, die sich nur durch die Kopfbedeckung der Männer etwas vom hiesigen Durchschnitt abheben. Die Schlacht am Buffet könnte in jedem anderen Zürcher Kirchgemeindehaus stattfinden. Die Kantoren Moshe Schulhof und Marcel Lang haben die eher undankbare Aufgabe, eine Gemeinde zu unterhalten, die gerade mit Essen und Smalltalk beschäftigt ist.
Offensichtlich besteht Zürichs Israelitische Gemeinde aus kontaktfreudigen Menschen, und die Gäste aus Politik, den umliegenden Quartieren und von den Landeskirchen werden in zahlreiche Gespräche verwickelt. Ein Mitglied der Gemeinde – auf die Nennung von Namen sei hier diskret verzichtet – bringt auf den Punkt, warum er die Veranstaltungen mit nichtjüdischer Beteiligung besonders schätzt: Statt nur Traubensaft, wird dann jeweils auch Weisswein dargeboten. Na denn Prost.


